Im klassischen Arbeitsschutz wird Sicherheit vor allem über Nicht-Ereignisse definiert. Ein Unfall findet nicht statt. Eine berufsbedingte Erkrankung tritt nicht auf. Ein Schaden wird nicht verursacht. Aus dieser Perspektive gilt ein System als sicher, wenn möglichst wenig passiert.
Dieses Verständnis hat den Arbeitsschutz über Jahrzehnte geprägt und es hat ohne Frage viel bewirkt. Gleichzeitig zeigt es jedoch einen grundlegenden Denkfehler: Wir messen Sicherheit fast ausschließlich dort, wo sie versagt. Als würden wir uns auf dem Weg zur Goldmedaille an denen orientieren, die die Qualifikation für Olympia nicht geschafft haben. Und genau so lernen wir eben auch: wenn etwas passiert, dann schauen wir genau hin. Wenn nichts passiert, haben wir oft keinen geeigneten Anlass oder eben keine geeigneten Hilfsmittel.
Sollen wir eine Maßzahl der Sicherheit im Betrieb benennen, so dreht sich diese seit jeher um Unfallzahlen, Zwischenfälle und Abweichungen. All diese Kennzahlen beschreiben jedoch nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität. Sie sagen kaum etwas darüber aus, warum Arbeit an den allermeisten Tagen funktioniert, obwohl Bedingungen selten stabil, eindeutig oder vollständig planbar sind. Die moderne Arbeitswelt mit ihrer Komplexität und Flüchtigkeit verlangt im Alltag mehr als nur Regeln und das Funktionieren nach Plan. Es erfordert Anpassung, Flexibilität und Problemlösungskompetenz. All das bleibt uns zu oft verborgen und all das wird in den allermeisten Fällen weder gemessen, noch analysiert, noch honoriert.
Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob dieses Sicherheitsverständnis falsch ist. Sondern ob es ausreicht, um Sicherheit in modernen Arbeitssystemen zu verstehen, zu erklären und somit gezielt weiterzuentwickeln. Und genau hier kommt Safety-II ins Spiel. Nicht als "das eine neue Ding", sondern als eine Einladung, die bewährten Praktiken (Safety-I) einmal zu hinterfragen, um deren Wirksamkeit zu erhöhen.